Kunsthalle Hamburg


Begleitheft in Großdruck und Braille Foto vom Begleitheft in Großdruck und Braille


„Art and Alphabet“
Kunsthalle Hamburg, Galerie der Gegenwart


21.07. bis 29.10.2017
Besucht am 11.10.2017

In der Ausstellung Art and Alphabet wurden Werke von 22 internationalen Künstlerinnen und Künstlern gezeigt, die sich mit dem vielschichtigen Wechselverhältnis von Schrift und Bild in der Gegenwartskunst auseinandergesetzt haben. Buchstaben und Zeichen standen hier im Vordergrund. Dabei ging es nicht um Lesbarkeit von Schrift. Die Buchstaben des Alphabets wurden als visuelle Zeichen analysiert, manipuliert und in allen nur denkbaren Medien der bildenden Kunst erforscht sowie in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt. Zu sehen waren unter anderem Zeichnungen, Performances und Videoinstallationen. Den Hinweis auf die Ausstellung hatte ich über eine Reiseliste für sehbehinderte und blinde Menschen erhalten.

Kasse und Empfang
Die Hamburger Kunsthalle ist ein sehr großes Gebäude, das unterschiedliche Ausstellungen beherbergt. Der Kassenbereich befindet sich links der Eingangstüren. Dort war es nicht möglich, die angekündigte Begleitbroschüre in Braille auszuleihen, doch das Personal war darüber informiert, dass das Material am Ort der Ausstellung zu finden sei. Dort waren die Booklets in Braille und Großdruck in Plexiglasbehältern an der Wand direkt neben den Kurzführern in Schwarzschrift platziert. Interessierte Besucher konnten sich so das Material jederzeit selbst nehmen. Beginnen konnte man im 2. oder 3. Obergeschoss, da die Ausstellung nicht einer zwingenden Chronologie folgte.

Hören
An allen Stationen, an denen gesprochene Sprache eine Rolle spielte, gab es die Möglichkeit, eine passive Induktionsschleife zu benutzen. Dazu wurde im Begleitmaterial immer wieder aufgefordert. Zu hören gab es nämlich immer wieder etwas. Zum Beispiel John Baldessaris Video „Teaching the plant the alphabet” oder Ignacio Uriartes „ASDFGHJKLÖ“

Die Videoinstallation des amerikanischen Künstlers Baldessari befand sich in einem viereckigen abgedunkelten Raum mit wenigen Kinosesseln im 3. Obergeschoss. Hinter eine Zimmerpflanze (Sicht des Betrachters) wurde eine Tafel gehalten. Darauf befand sich jeweils ein großer und ein kleiner Druckbuchstabe, zum Beispiel das „E e“. Eine männliche Stimme wiederholte im Stakkato für ungefähr 30 Sekunden den zu sehenden Buchstaben. Dann wurde die Tafel zum nachfolgenden Buchstaben im Alphabet gewechselt, solange bis der Sprecher bei „Z“ angekommen war. Dann begann der Schwarzweißfilm erneut mit dem „A“. Gesprochen wurde das Alphabet in englisch.

Ignacio Uriartes Installation „ASDFGHJKLÖ“ aus dem Jahr 2011 war in einem Raum mit schwarzen Wänden eingerichtet. An der Stirnseite befand sich eine weiße Tafel, auf der die Buchstaben groß und schwarz dargestellt waren. „ASDF“ in der ersten Zeile, „GHJK“ in der zweiten und „LÖ“ in der dritten. Der Sprecher las die Buchstaben in wechselnder Geschwindigkeit und Modulation. Gegenüber der Installation befand sich eine Sitzgelegenheit, die erfreulich gut ausgeleuchtet war.

Sitzgelegenheiten gab es in der gesamten Ausstellung an verschiedenen Orten. Der Besucher hatte jedoch auch die Möglichkeit, eine transportable Sitzgelegenheit zu nutzen.

Taststationen
Die Taststationen waren jeweils in Kästen an den Wänden untergebracht. Diese hatten unterschiedliche Formate, je nach ihrem Inhalt. Sie waren äußerlich hell gestaltet und hoben sich nur wenig von den weißen Wänden ab. In der rechten unteren Ecke der Klappe war auf schwarzem Hintergrund in weiß Info zu lesen. Das Innere war zumeist auf schwarzem Untergrund dargestellt, mitunter kamen auch die Farben grau und weiß hinzu. In einem Infokasten befand sich ein Anschauungsstück aus Stoff.

Taststation bei Station 4
Katie Holden
„The black Tree”, 2005
“The Treealphabet”, 2015

Die Taststation bezog sich auf „The Treealphabet“. Zirka fünf Zentimeter hohe Darstellungen von Bäumen waren in eine dunkle Plastikfläche eingekerbt, dazu der Name des Baumes auf deutsch sowie sein Anfangsbuchstabe. Der Anfangsbuchstabe war auch in Braille (ohne Großschreibung) dargestellt. Der vollständige Name des Baumes in Braille war nicht abgebildet.

Anstatt in das Material hineinzuarbeiten wäre es sinnvoller gewesen, die Darstellungen erhaben auszuführen. Sie wären so einfacher zu ertasten gewesen. Kontraste gab es überhaupt keine. Die Darstellungen waren hier schwarz auf schwarz.

In einem Fall befanden sich die Taststationen in einem anderen Raum als die Kunstwerke. Das hätte im Begleitmaterial erwähnt werden können. Eine dieser Stationen war „love letters“, an der der Besucher aufgefordert wurde, aus einzelnen Buchstaben eigene „love letters“ zu kreieren.

Olfaktorisches
Im Raum mit den Werken des Künstlers Philipp Vandenberg (Belgien) roch es intensiv nach dem Papier, auf dem er gezeichnet hatte. Der Raum war an zwei Wänden großflächig mit Vandenbergs Darstellungen dicht an dicht behängt. Jede Zeichnung hatte eine Fläche von zirka einem Quadratmeter.

Im Raum mit dem „eatable alphabet“ gab es bildliche Darstellungen anzusehen. Hier handelte es sich im Wesentlichen um Linien, die mit „Gewürzfarben“ und Farben aus pulverisierten Nahrungsmitteln gestaltet waren. Neben dem Sehsinn sollten so Geschmack, Geruch und Tastsinn mit ins Spiel gebracht werden. Eine Riechstation bot Riechbeispiele: Curry, Orange, Dill und Kümmel. Die Orange war schwierig zu erriechen.

Begleitbroschüren
Inhaltlich gab die Braillebroschüre den Inhalt des Audioguides wieder. Sie war in Braille-Kurzschrift gedruckt, die nur sehr wenige der ohnehin wenigen PunktschriftleserInnen beherrschen. Die Broschüre war nicht geheftet. Dies machte ein sehr vorsichtiges Umblättern erforderlich. Eine Ringbuchheftung hätte die Handhabung m. E. erheblich erleichtert.

Auch ein Begleitheft in Großdruck (schwarz auf weiß auf Papier) war auszuleihen, das, soweit ich das beurteilen kann, sehr gut gelungen war. Es gab in der Ausstellung immer wieder gut ausgeleuchtete Sitzgelegenheiten, die ein Lesen ermöglichten.

Audioguide
Der Audioguide enthielt sehr knappe Orientierungshinweise, die sich häufig jedoch darauf beschränkten, dass nun der nächste Raum und die nächste Arbeit zu betrachten sind. Die Einführung und Angaben zur Orientierung im 3. OG waren besser gelungen als diejenigen für das 2. OG.

Leider wurde nicht erwähnt, dass es das Begleitmaterial auch zum Lesen, in Großdruck oder Braille, auszuleihen gab.

Hinweise auf das Vorhandensein einer Taststation wurden in der Regel gegeben, doch es wurde nicht erklärt, wo im Raum sie sich befindet oder dass sie in einem Fall sogar im angrenzenden Raum untergebracht war.

Die gezeigten Kunstwerke wurden knapp, aber durchaus ausreichend beschrieben. Dazu gab es wissenswerte Informationen zu den Intentionen der Künstler.

Der Audioguide war nicht an eine App gebunden und unkompliziert herunterzuladen. Ich persönlich habe mein Diktiergerät für das Abspielen in der Ausstellung genutzt. Eine Pausenfunktion am Gerät war von großer Bedeutung, denn es gab nicht ein Audio pro Kunstwerk, sondern ein Audio pro Etage, dazu einen einführenden Text.

Fazit
Obwohl es bei Art and Alphabet um das sehr visuelle Phänomen Schrift ging, habe ich noch selten in einer Ausstellung so viele Kunstwerke „sprechen“ gehört. Die Infostationen hätten sich kontrastreicher von der Wand abheben können und eine Gestaltung in grau und schwarz und vertieft war meiner Meinung nach auch nicht sehr glücklich. Beim Audioguide hätte man in punkto Orientierungshinweise etwas mehr bieten können. Erfreulich, dass der braillelesende Besucher die Wahl hatte, sich lesenderweise oder über den Audioguide zu informieren.

Darüber hinaus
In einer Leseecke, die aus bequemen Sitzgelegenheiten und einem Bücherregal gestaltet war, waren Bücher versammelt, die verschiedene Aspekte von Schrift zum Thema hatten. Es ging beispielsweise um die Entwicklung der Schrift und um Kunst mit der Schrift. Unter diesen Büchern befand sich ein Heft mit dem Titel „Knack den Code“, das sehenden Menschen die Blindenschrift nahe bringt.

Tastdetail Tree Alphabet F Foto eines Tastdetails